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Die einfache, komplexe Botschaft des Authentischen
Karl Schönfeldinger 1897 – 1979
Das, was man in der Musik als das „Authentische“ bezeichnet, berührt wohl genau jenes Geheimnis, das das Wesen der Musik überhaupt ausmacht. Dort spätestens lösen sich Qualifizierungen wie gut oder schlecht, U (für Unterhaltungsmusik) und E (für sog. Ernste Musik) ins Nichts auf. Da ist nur noch: Musik; die Mitteilung aus dem poetischen Kraftquell des Lebens; Erlebnis in einer Tiefe, die sich der rationalen Begründbarkeit entzieht und ausschließlich wirkt.
Man hat den Bauern, Schneider, Kapellmeister und Komponisten Karl Schönfeldinger aus Bernstein im pannonischen Voralpengebiet, der von den Hianzen so bezeichneten Puglaten Welt, immer als einen bescheidenen, einfachen Menschen bezeichnet. Ich fürchte, dass man mit solch einem Stereotyp nicht das Auslangen findet. Einfach bescheidene Menschen sind nicht solch mitunter fanatisch Suchende wie Schönfeldinger, dessen Leben sich im Übrigen über die ganze Dauer einer höchst komplexen und dramatischen historischen Wandlung erstreckte.
Er wird in die filigrane Konstruktion einer Doppelmonarchie hinein geboren, deren Hybris nach der ersten Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts ins Nichts zusammen fällt. Während des Militärdienstes bei den blasenden Hurrah-Militaristen in Wien stiehlt er sich die Märsche ab, wie er es selbst bezeichnet, um sie zu Hause aus dem Kopf niederzuschreiben und mit den Dorfmusikanten aus Bernstein zu spielen, nachdem er dort seinen Führungsanspruch als Kapellmeister durchgesetzt hatte. Immerhin praktizierte die Dynastie der Schönfeldinger-Musikanten schon seit 1839 Unterhaltungsmusik auf höchstem Niveau. Karl war also das genuine Kind einer sich so redlich wie ehrgeizig gerierenden Musiktradition des Hianzischen, auch wenn diese nicht wirklich schlüssig nachweisbar ist. Verschiedene Quellen sprechen davon, dass die Hianzen Überbleibsel jener bayerischen und fränkischen Kolonien auf dem Boden des heutigen Burgenlandes seien, die von Karl dem Großen gegründet worden waren.
Und dann hat ja den jungen Karl Schönfeldinger im noch kaiserlichen Wien auch die Musik interessiert, die damals in den Theatern gespielt wurde: Strauß, Suppé, Lanner – das Leichte, das sich am Abgrund einer dekadenten Gesellschaft dahinhantelte. Für Dekadenz war der lernsüchtige junge Provinzmusikant, eher ein reiner Thor als ein abgefeimter Salonlöwe, sicher nicht empfänglich. Gewiss aber für den Duft der Melodien, die Heiterkeit der musikalischen Mitteilung (so verlogen sie in den Wiener Originalen auch gewesen sein mag) und die Meisterschaft der Instrumentierung.
In der Mischung von überliefertem Musikgut seiner Vorfahren, Abgeschautem und Abge-stohlenem der höfischen Tradition und letztlich seiner eigenen Intuition im Erleben seiner ländlich-provinziellen Identität hatte der junge, knapp zwanzigjährige Karl Schönfeldinger bereits das Rüstzeug, das ihn später, vorrangig schon in den Fünfzigerjahren, sein Eigenes entwickeln ließ. Er hat dabei durchaus keinen neuen Stil erfunden, aber aus den Mustern seines musikalischen Entwicklungsprozesses – gepaart mit einer musikalischen Zärtlichkeit und Verliebtheit – eben das geschaffen, was das Authentische der Musik ausmacht, ihre Eigentlichkeit und ihr Wesen.
Das ist es, was von ihm bleibt. Das ist es, was auch noch die dritte Generation der Schönfeldinger an seinem Werk begeistert und es weiterhin pflegen lässt.
Peter Wagner |